Auf ein Wort

Wie den Advent gestalten?

In diesen Tagen vor dem ersten Advent hörte ich in der Esslinger Altstadt eine kleine Tochter ihren Vater fragen: Warum sind denn da die ganzen Lichter an den Häusern? Klar, Advent. Wie immer. Vor dem Klinikum sah ich beim Warten einem Angestellten zu, der eine Laterne mit großer Akribie mit einer riesigen Tannenreisig-Schlange umwickelte. Ja, es wird wieder Advent. Eigentlich wie immer. Alles so wie früher? Adventsbasar, Nikolausfeiern, Proben fürs Krippenspiel, Weihnachtsessen im Kollegenkreis, adventliche Basteltreffs?

 

Nein, es ist alles ganz anders. In rasender Geschwindigkeit wurde in dieser Woche vieles wieder abgesagt, was lange vorbereitet war und unmittelbar bevorstand. Keine Adventskonzerte, kein Weihnachtsmarkt. Mehr noch: Nächtliche Ausgangssperren für Ungeimpfte. Zugang zum Einzelhandel außerhalb der Grundversorgung nur noch mit dem Nachweis geimpft oder genesen, 3G im öffentlichen Nahverkehr, Homeoffice-Pflicht. Alarmstufe zwei. Es wird wohl ein sehr stiller Advent in diesem Jahr. 

Im Grunde ist der Advent für die christliche Kirche schon immer eine Zeit der Stille und der Erwartung. Vier Kerzen am Adventskranz, vier Sonntage zwischen dem Ewigkeitssonntag und dem Heiligen Abend stimmen ein auf das große Fest. Advent heißt Ankunft: Christinnen und Christen erwarten die Ankunft Gottes in dieser Welt, als kleines Kind in der Krippe zu Weihnachten. Im Kirchenjahr, das mit dem 1. Advent beginnt, gehört die Adventszeit zu den stillen Zeiten, als eine Zeit der inneren Einstimmung und der Vorfreude auf etwas ganz Besonderes.

Wie gestalten wir die Wochen vor Weihnachten? Es könnte sich lohnen, die Unterbrechung unseres Alltags in diesem Jahr besonders wahrzunehmen. „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“, formulierteder Theologe Johann Baptist Metz. Manchmal genügt schon ein tiefes Durchatmen, ein längerer Blick aus dem Fenster oder eine bewusst genossene Tasse Tee, um uns zur Ruhe kommen zu lassen. Im Advent bieten sich auch ganz alte Formen an: selber ein Adventslied singen, dem Adventskranz einen schönen Ort in der Wohnung geben, eine Geschichte nach dem Abendessen lesen. 

Impulse dafür gibt’s zum Beispiel bei „Der andere Advent 2021/2022“, einem Kalender, den wir als Kirchengemeinde unseren Mitarbeitenden schenken und der uns mit seinen schönen Bildern und gehaltvollen Texten durch die Adventszeit begleitet. Manche schätzen die „Adventsminuten“in der Esslinger Stadtkirche. Sie werden auch in diesem stillen Advent montags bis freitags um 17 Uhr gefeiert.

Es gibt kein richtig oder falsch beim Adventfeiern. Nutzen wir die Chance, die uns diese stille Zeitmit ihren Einschränkungen bietet, um unserer ganz persönlichen Adventszeit ein eigenes Gesicht zu geben.

Enno Knospe

 

 
 

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